Kino im Kopf

Big Brother, Aliens und ein ominöser Kuss: Das Sonohr Radio & Podcast Festival widmet sich dieses Jahr dem «Reality Check».

Es war «nur ein kuss». Doch er gibt noch heute Rätsel auf. Wer sprayte diese Worte in einer kalten Novembernacht im Jahr 1987 hoch oben an die frisch renovierte Fassade des Treppenturms der Kanti Wetzikon im Zürcher Oberland? Ein Künstler? Ein Schüler? Vielleicht sogar ein Lehrer? Und was ist dran an der Legende über das Liebespaar, das einen Schulverweis kassierte, nachdem es bei einem leidenschaftlichen Kuss von der Putzfrau erwischt worden war? «nur ein kuss»: Inzwischen ein wenig sonnenblass, aber nicht minder ungestüm stehen die roten Lettern noch heute da.

An der 8. Ausgabe des Sonohr Radio & Podcast Festival begibt sich This Wachter in «Kuss am Bau» (Samstag, 20 Uhr, Rex 1) zusammen mit Martin Bezzola (Sound) und Manuel Schüpfer (Visuelles) auf die Spuren dieses charmanten Vandalenakts – als erste Schweizer Live-Audio-Doku. Was so viel heisst wie: Die intime Studiosituation wird auf die Bühne geholt. In Amerika zieht dieses Format schon lange die Massen an. Warum das so ist? «Amerika hat natürlich eine ganz andere Beziehung zur Show. Man applaudiert gerne. Wir Schweizer hingegen verteilen unsere Begeisterung sehr haushälterisch. Dem unterhaltenden Moment des Journalismus bringen wir – gerade in der momentanen Debatte – immer gewisse Vorbehalte entgegen», sagt Pascal Nater, Geschäftsleiter von Sonohr.

Das Festival steht dieses Jahr im Zeichen des Podcasts, ein Begriff für zeitunabhängiges Hören von Sendungen, ein Netzphänomen. Was aber auch bedeutet: Jeder kann alles Mögliche veröffentlichen. Wer garantiert hier die Qualität? Was ist echt, was fake? «Reality Check» hat sich das Festival dieses Jahr daher auf die Fahne geschrieben.

«Gegenüber dem Print hat der Audio-Journalismus natürlich traditionellerweise einen gewaltigen Vorteil. Man kann jede Aussage hörbar beweisen. Nun gibt es aber neue Software, die einer Person durch Sprachsynthese Sätze in den Mund legen kann, die sie gar nie gesagt hat. Wird das Realität, bedeutet das ziemlich sicher einen Paradigmenwechsel für den Radiojournalismus», so Nater. Ausserdem gingen Podcasts mit Echtheit grundsätzlich sehr spielerisch um: So gibt es beispielsweise fiktionale Dokumentationen, sogenannte Dokufiction-Podcasts, die gleichzeitig mit Erzähltechniken aus Netflix-Serien und dem journalistischen Radio arbeiten.

Big Brother auf dem Mars

«Materie mit enormer Geschwindigkeit in Richtung Erde geschleudert!», «Aliens im Central Park!»: 1938 wähnten viele Amerikaner tentakelnde Wesen vor der eigenen Haustüre, als H. G. Wells’ «Krieg der Welten» im Radio lief. Was würde das Hörspiel heute auslösen? Das fragen sich am Sonohr K7 Productions mit ihrem Live-Hörspiel «O.V.N.I. (U.F.O.)» (Sonntag, 18.30 Uhr, Rex 1).

Durch die Galaxis steuert auch «Life on Mars» (Samstag, 16.30 Uhr, Rex 2). Christian möchte den Rest seines Lebens auf dem Mars verbringen. Möglich macht das Bas, ein Unternehmer, der den Alltag auf dem Mars als Reality-Show auf der Erde verkaufen will. Zwischen historischer Raketenjagd und futuristischer Spinnerei führt «Life on Mars» authentisch an die Grenzen des Menschenmöglichen.

Das Grosse im Kleinen sucht Jonathan Zenti mit seinem Podcast «Meat» (Samstag, 18 Uhr, Rex 2). Muskeln, Nerven, Knochen, Wunden, Narben, Blut: Es geht um das Fleisch, das wir Köper nennen. Und er beginnt dabei bei sich selbst, dem Körper, den er liebt, den andere aber als zu dick wahrnehmen. «Meat» ist aber kein Betroffenheitsbericht, sondern ein intime Suche auf der Linie zwischen normal und anders.

Neben den vielen Hörstücken im Rahmenprogramm gehört zum Herzschlag des Festivals auch dieses Jahr das Wettbewerbsprogramm: Im nationalen Wettbewerb geht es unter anderem um Kulturschaffende im Sudan (Sa, 18 Uhr, Rex 1), die Rebellion der Marder (Sa, 14 Uhr, Rex 1) oder die Jurawurst (Sa, 16.30 Uhr, Rex 1). Und im Flashstory-Wettbewerb beweisen Kurzbeiträge, das man auch in wenig Zeit viel erzählen kann.

Die Anzahl Eingaben sei bei Sonohr mehr oder weniger konstant, sagt Nater. Generell wachse auch in der Schweiz das Interesse für Podcasts, aber «noch wird mehr darüber gesprochen als wirklich gemacht. Die grossen Inhaltsproduzenten, SRF und die grossen Verlage, sind gefangen in den Bemühungen, sich gegenseitig den Markt zu beschränken. Das hat uns letztendlich die No-Billag-Debatte beschert», sagt er. «Hätten wir die ganze Energie für diese Debatte in die Inhaltsproduktion gesteckt, gäbe es vielleicht schon haufenweise Audio-Gassenhauer.»

Kino Rex Freitag, 23., bis So, 25. Februar. www.sonohr.ch(Der Bund)

Erstellt: 22.02.2018, 07:02 Uhr

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