Umstrittener Flughafenausbau in Grossbritannien: London baut Heathrow aus

Auch unendliche Geschichten können zuweilen ein Ende haben – zumindest vorläufig. Jahrzehntelang hat die britische Politik darüber diskutiert, ob und wo die Flughafenkapazitäten im Grossraum London erweitert werden sollen. Nach Jahren des Abwägens und Verzögerns hat sich die britische Regierung am Dienstag für den Bau einer dritten Start- und Landebahn am Flughafen Heathrow im Westen Londons entschieden. In der engeren Auswahl waren ausserdem die Verlängerung einer bestehenden Landepiste in Heathrow sowie die Erweiterung des Flughafens Gatwick im Süden der Metropole gestanden. Die Regierung folgt damit der Empfehlung einer Kommission unter der Leitung von Howard Davies im vergangenen Jahr. Es wird die erste neue Landebahn im Südosten Englands seit dem Zweiten Weltkrieg sein.

Die Betreiberfirmen von Heathrow und Gatwick hatten sich monatelang eine Lobby- und Werbeschlacht um die Luftherrschaft im öffentlichen Raum geliefert. Dabei stand von vorneherein fest, dass Heathrow die besseren Karten hatte. Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände begrüssten die Entscheidung. Für Heathrow spricht, dass der Flughafen ohnehin eines der weltweit grössten Drehkreuze für internationale Langstreckenverbindungen ist. Über Heathrow werden zudem knapp ein Drittel aller britischen Exporte ausserhalb der EU abgewickelt. Derzeit operiert der Flughafen an der Kapazitätsgrenze. Das Kreisen über der Stadt in der Warteschleife gehört zu den Erfahrungen der meisten Heathrow-Benutzer.

Gatwick hingegen ist auf Kurzstreckenflüge ausgerichtet, dient weniger als internationales Drehkreuz und hat ein deutlich kleineres Frachtaufkommen als Heathrow. Laut dem Davies-Bericht wäre es teuer, die Infrastruktur für den Frachttransport, die bereits in Heathrow vorhanden ist, für Gatwick auszubauen. Transportminister Chris Grayling pries die Möglichkeiten für Langstreckenverbindungen in Heathrow, um den Handel mit fernen Wachstumsmärkten zu fördern. Nach der Brexit-Entscheidung ist Grossbritannien umso mehr darauf angewiesen, mit der gesamten Welt gute Verbindungen zu haben.

Ob mit der Entscheidung aber tatsächlich die unendliche Geschichte zu Ende geht, steht noch in den Sternen. Für Gegner bleibt noch genügend Zeit, Stimmung gegen den Flughafenausbau zu machen. Erst Ende 2017 soll im Unterhaus endgültig abgestimmt werden. Danach werden Planungs- und voraussichtlich auch Rechtsverfahren folgen. Vor dem Jahr 2020 wird nicht mit einem Baubeginn gerechnet. Unmittelbar nach der Entscheidung hat sich bereits politischer Widerstand von Politikern geregt, die vor allem Londoner Wahlkreise vertreten. Heathrow liegt für einen Grossflughafen sehr nahe an Wohngebieten. Aufgrund der über die Stadt führenden Flugschneisen werden viel mehr Leute mit Lärm und Luftverschmutzung belästigt als beim weiter entfernt liegenden Flughafen Gatwick.

Üblicherweise gilt im Kabinett die Regel der kollektiven Verantwortlichkeit. Die konservative Premierministerin Theresa May hat aber ihren Ministern zugestanden, in dieser Sache eine eigenständige Meinung zu vertreten, wobei sie nicht den Entscheidungsprozess kritisieren oder aktiv gegen die Haltung der Regierung opponieren sollen. Damit möchte May Regierungsmitgliedern ermöglichen, vor ihren Wählern das Gesicht zu wahren und auch mögliche Rücktritte verhindern.

Vor allem Boris Johnson, der frühere Londoner Bürgermeister und jetzige Aussenminister, ist ein erklärter Gegner des Ausbaus von Heathrow. Einst hatte er versprochen, sich vor die Bulldozer zu werfen, sollte Heathrow erweitert werden. Stattdessen schlug er den Bau eines neuen Flughafens auf einer weit im Osten liegenden Insel in der Themse vor. Johnson macht nun allerdings keine Anstalten, den Aussenministerposten zu verlassen. Der konservative Unterhausabgeordnete Zac Goldsmith, der einen Wahlkreis in Nachbarschaft zu Heathrow vertritt, will hingegen zurücktreten und bei der Nachwahl als unabhängiger Kandidat antreten.

Angesichts der Proteste im eigenen Lager wird die konservative Regierung, die nur eine kleine Mehrheit im Unterhaus hat, auf Stimmen der Opposition zählen müssen, um den Flughafenausbau durchs Parlament zu bringen. Auf nationaler Ebene ist der Ausbau weniger umstritten als in London. Eine weitere Hürde ist die Finanzierung. Der Ausbau von Heathrow kostet laut dem Davies-Bericht mit 17,6 Milliarden Pfund mehr als doppelt so viel wie das Gatwick-Projekt. Private Investoren sollen das Geld zur Verfügung stellen. In diesen Kosten sind aber noch nicht der notwendige Ausbau von Strassen und des öffentlichen Verkehrs enthalten, der wohl Steuergelder verschlingen wird.

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