«Erst wenn das Buch fertig ist, meldet sich die Angst»

Die türkische Bestsellerautorin Elif Shafak über Repressionen in der Heimat und weltweiten Fanatismus.

Elif Shafak ist eine gefragte Frau. Die türkische Bestsellerautorin ist eine beredte Botschafterin ihres Landes – obwohl oder gerade weil sie seine undemokratische Entwicklung offen anspricht. Die 45-jährige Tochter einer Diplomatin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in London und Istanbul. Shafak diskutiert am Sonntag in der «Sternstunde Philosophie» (SRF 1, 11 Uhr) über den Krisenherd Türkei und die Macht der Worte.

Sie sind in Strassburg geboren, in Madrid aufgewachsen, haben in den USA gelehrt und wohnen jetzt in London. Wie türkisch sind Sie?

Sehr! Ich lebte ja jahrelang in Istanbul, auch in Ankara, meine Schulbildung ist türkisch. Andererseits wehre ich mich dagegen, eine einzige Identität haben zu müssen. Ich habe Verbindungen zum Balkan, zum Mittleren Osten, zur Mittelmeerregion, und ich bin Europäerin.

Wie die Wahl von Donald Trump in den USA zeigt, besinnen sich viele Länder zurzeit auf ihre nationale Identität. Was sagt eine Weltbürgerin dazu?

Diesen Trend beobachte ich mit Sorge, denn es geht dabei nicht nur um das Nationale. Was zunimmt, ist auch die Engstirnigkeit, sind Fremdenfeindlichkeit, Fanatismus, Isolationismus. Angeblich demokratische Regierungen agieren nach dem Mehrheitsprinzip, welches nicht mit der Demokratie gleichzusetzen ist.

Inwiefern nicht?

Wenn Menschen durch demokratische Wahlen an die Macht kommen und sich dann autoritär gebärden, ist eine solche Regierung keine freie Demokratie mehr. Das ist in der Türkei so passiert, aber auch anderswo, etwa in Ungarn oder in Polen. Für eine Demokratie braucht es mehr als nur Wahlen und Abstimmungen.

Was nämlich?

Den Rechtsstaat, die Gewaltentrennung, die Meinungsfreiheit, die Pressevielfalt, Rechte für Frauen und Homosexuelle … Das alles gehört dazu. Ansonsten herrscht im Land keine Demokratie, sondern eine Diktatur der Mehrheit.

Ist die Demokratie nicht per Definition eine Diktatur der Mehrheit?

Nein! Das Kriterium, wie gut es einer Demokratie geht, ist nicht, wie gut es der Mehrheit in einem Land geht. Sondern wie umsichtig man mit den Minderheiten verfährt. In der Türkei wird zurzeit jeder, der anders ist, mit Argwohn angeschaut. Eine Ausgrenzung der Minderheiten ist aber ein Symptom isolationistischer Gesellschaften, mit starken nationalen oder religiösen Tendenzen.

«Für eine Demokratie braucht es mehr als nur Wahlen und Abstimmungen.»

Die jüngsten Journalisten-Verhaftungen zeigen, dass es weiter geht als nur Argwohn.

Ja. Ich bin sehr traurig, dass so viele Journalisten, Schriftsteller und Akademiker in der Türkei unter einem solchen Druck stehen. Über 130 Journalisten sind im Gefängnis. Noch mehr stehen auf der schwarzen Liste. Ich habe Freunde und Kollegen, die jetzt im Gefängnis sind. Ich kritisiere es scharf, dass der Chefredaktor der Zeitung «Cumhuriyet» und andere verhaftet worden sind. Sie müssen sofort freigelassen werden.

Helfen Solidaritätsaktionen im Westen oder schaden sie eher?

Internationale Unterstützung ist essenziell. Wenn die Menschen sich vergessen und alleingelassen fühlen, vergrössert das den psychischen Druck, der sowieso auf ihnen lastet. Wir müssen Schriftsteller auf der ganzen Welt unterstützen, Mangel an Meinungsfreiheit ist schliesslich nicht nur das Problem der Türkei. Nur ist die Situation in der Türkei zurzeit sehr schlecht.

Isoliert scharfe Kritik von aussen das Land nicht noch stärker?

Wir müssen unterscheiden zwischen der Regierung und den Menschen. Wir müssen die Politiker und die Regierung kritisieren, vor allem, wenn es solche enormen Verletzungen der Meinungsfreiheit gibt. Gleichzeitig dürfen wir aber nicht vergessen, dass die Türkei ein komplexer und vielfältiger Staat mit wundervollen Menschen ist. Ich fände es schade, wenn man im Westen sagen würde: Die Türkei ist so und so, und damit das ganze Land und alle seine Bewohner verdammen würde.

Wie stehen Sie dem Beitritt der Türkei zur EU gegenüber?

In meinen Augen ist die EU nicht nur ein Wirtschaftsverbund, in allererster Linie steht sie für geteilte Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und Minderheitenrechte. Natürlich möchte ich, dass die Türkei bei diesen Rechten mitmacht. Ich möchte nicht, dass mein Heimatland sich von Europa abwendet.

«Ich möchte nicht, dass mein Heimatland sich von Europa abwendet.»

Aber ist der mögliche EU-Beitritt nicht auch ein Druckmittel, um den Respekt der Menschenrechte einzufordern?

Die Türkei muss demokratischer werden, daran besteht kein Zweifel. Aber wenn die EU-Tür für die Türkei zugeht, wird das Land näher an Russland oder Saudiarabien heranrücken. Schon jetzt wachsen viele türkische Jugendliche mit dem Gefühl auf, dass man sie in Europa wegen ihrer Religion nicht will. Zudem machen die EU-Bürokraten selbst schlimme Fehler in den Verhandlungen.

Was ist für Sie ein Fehler?

Ganz klar der Flüchtlingsdeal. Viele Demokraten in der Türkei haben das Gefühl, dass wegen diesem Flüchtlingsdeal die EU nicht genügend auf die Menschenrechte gepocht hat. Einige Beamte der EU haben sich so verhalten, als ob man das Flüchtlingsproblem outsourcen könnte. Das geht aber nicht. Es ist ein humanitäres Problem, ein globales Problem, wir müssen es zusammen lösen.

Quelle: TED/Youtube

Sie selbst gerieten nach der Veröffentlichung Ihres Romans «Bastard von Istanbul» in Verdacht, die Türkei beleidigt zu haben. Warum?

Damals, 2006, wurde ich angeklagt, weil ich in meinem Roman die Frage des armenischen Genozids berührt habe. Ich tat es auf eine konstruktive Weise und bekam gutes Feedback von den Lesern. Doch ich wurde von den Ultra­nationalisten angegriffen und vor Gericht gestellt. Auf mein Porträt wurde auf der Strasse gespuckt. Das war hart, umso mehr, als ich damals schwanger war. Doch einen Tag nach der Geburt wurde ich freigesprochen.

Würde das heute anders ­ausgehen?

Heute wären sowohl die Kritik wie die Sanktionen harscher, denn die Türkei befindet sich im Ausnahmezustand. Wir haben keine Fortschritte in Sachen Meinungsfreiheit gemacht, sondern im Gegenteil Rückschritte.

Sie kritisieren Ihr Land sehr ­offen, haben Sie keine Angst?

Doch. Ich habe Angst. Und doch sage und schreibe ich meine unverfälschte Meinung.

«Wir haben keine Fortschritte in Sachen Meinungsfreiheit gemacht.»

Wie geht das?

Beim Romanschreiben ist das einfach, da lebe ich monatelang in einer anderen Welt. Ich fühle mich leicht, ich bin frei. Erst wenn das Buch fertig ist und ich zu meinem Verleger gehe, meldet sich die Angst. Doch dann ist es zum Glück schon zu spät für Selbstzensur.

Sie schreiben aber auch als Journalistin, ist es da anders?

Ja, denn da bin ich mir des Gewichts der Worte stärker bewusst. Und jeder türkische Journalist weiss, dass jeder Artikel von ihm, jedes Interview und sogar jeder Tweet dazu verwendet werden kann, ihn zu dämonisieren und auf den Social Media zu lynchen. In unseren Hinterköpfen spukt also immer ein bisschen Selbstzensur.

Sie schreiben aber trotzdem kritisch, etwa kürzlich im ­«Spiegel», wo Sie die Türkei eine «traumatisierte Nation» ­nennen.

Ja, das tue ich, weil ich meine Worte nicht einsperren kann und will.

Sie schreiben in diesem Essay, dass türkische Frauen mehr zu verlieren haben als die Männer. Wie meinen Sie das?

Ganz einfach: Wenn die Demokratie verloren geht, dann verlieren Frauen ihre Rechte schneller als Männer. Alle autoritären Regimes sind patriarchalisch. Das sind Macho­kulturen. Das sehen wir auch in den USA mit dem Aufstieg von Donald Trump – die Stimmen gegen die gleichgeschlechtliche Ehe sind lauter geworden.

Wird die Wahl von Donald Trump auch für die Türkei ­Konsequenzen haben?

Wie könnte sie nicht? Diese Wahl wird die ganze Welt beeinflussen.

Und wie?

Die populistischen, fremdenfeindlichen und frauenverachtenden Töne seiner Aussagen waren nicht zu überhören. Wir sollten deswegen beunruhigt sein. Unsere Rechte, die wir heute für selbstverständlich ansehen, könnten schon morgen verloren sein.

Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen den Populisten und Nationalisten in verschiedenen Ländern?

Die Illusion einer goldenen Vergangenheit ist eine. Einer der stärksten Slogans Trumps war, Amerika wieder gross zu machen. Mit Betonung auf «wieder». Das Gleiche passiert in Russland oder in der Türkei. Eine andere Gemeinsamkeit ist, dass diese Bewegungen die Menschen in feindselige Gruppen spalten. Was uns Schriftsteller aber besonders in die Pflicht nimmt, ist die Fähigkeit der Demagogen, mit ihren Worten an die Gefühle zu appellieren.

Warum nimmt Sie das in die Pflicht?

Worte – das ist unsere Domäne. Wir müssen uns bessere Worte einfallen lassen, um die Menschen mit ihren Gefühlen nicht allein zu lassen. Und, anders als die Populisten, Worte und Fakten in Beziehung zueinander zu bringen.

«Die Frauen in meinem Land sind stark und widerstandsfähig.»

In Ihrem gegenwärtigen Roman «Der Geruch des Paradieses» und auch in den früheren Romanen gibt es eigenwillige, starke Frauenfiguren. ­Entsprechen diese der Realität in der Türkei?

Ja, die Frauen in meinem Land sind stark und widerstandsfähig. Aber wir haben ein Problem: Wir sind nicht miteinander verknüpft. Es gibt zu wenig schwesterlichen Zusammenhalt. Patriarchalische Gesellschaften können im Inneren der Familie sehr matriarchalisch sein. Die ältere Frau wird respektiert, oft aber stellt sich keine Solidarität über die Generationen hinweg ein.

Ihre Mutter hat als geschiedene Frau eine diplomatische ­Karriere gemacht. Wäre das heute noch möglich?

Für meine Mutter war es wohl noch schwieriger, als es heute für eine Frau wäre. Dass meine Mutter nach ihrem Uni-Abschluss die Stelle im Aussenministerium bekam, war eine enorme Leistung, denn normalerweise gehen diese Stellen vom Vater auf den Sohn über. Doch das Leben in der Welt der Diplomatie hat sie nicht glücklich gemacht. Sie ging früh in Pension, es war kein einfacher Weg für sie.

Frauenfreundschaften sind oft ein Thema Ihrer Romane. Sind diese darum so beliebt?

Das ist sicher einer der Gründe. Dass ich aber so viele treue Leserinnen und Leser habe, ist nicht über Nacht passiert. Mit jedem Buch waren es ein bisschen mehr. Zu meinen Lesungen kommen Menschen aller Couleur. Säkulare Männer und Frauen mit Kopftuch. Das ist mir enorm wichtig, denn wir sind eine gespaltene Gesellschaft geworden. Diese Leute haben keine gemeinsame Sprache, sie brechen ihr Brot nicht miteinander. Doch sie lesen das gleiche Buch – meins. Das erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit.

Warum verfassen Sie Ihre Romane seit einiger Zeit zuerst auf Englisch?

Englisch ist meine dritte Sprache – Spanisch war die zweite. Ich bin also nicht mit Englisch aufgewachsen wie meine Kinder, die von klein auf zweisprachig sind. Für mich gibt es im Englischen einen Spalt zwischen der Zunge und den Gedanken. Das hilft mir, wenn ich über die Türkei schreibe. Wenn man ein Bild genauer erfassen möchte, macht man ja auch einen Schritt zurück.

Was müsste sich ändern, damit die Entwicklung in der Türkei wieder konstruktiver wird?

Wir müssen Wunden heilen und Brücken bauen. Zwischen den Menschen, zwischen der Türkei und der EU, zwischen der Türkei und den USA. (SonntagsZeitung)

(Erstellt: 19.11.2016, 21:45 Uhr)

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