Der Brexit bremst die Briten nicht

London. Der Himmel ist nicht eingestürzt. Entgegen den Warnungen, dass Großbritannien bei einem Votum für den EU-Austritt in eine sofortige Rezession stürzen werde, brummt die britische Wirtschaft weiter kräftig. Mit 2,1 Prozent Wachstum im zu Ende gehenden Jahr wird die Insel nicht nur Deutschland, Frankreich und Italien hinter sich lassen, sondern auch besser als die Eurozone abschneiden, die laut Prognose der EU-Kommission im Jahr 2016 ein Wachstum von 1,7 Prozent schaffen wird. Darf Großbritannien also nach dem Motto „Gut is’ ‘gangen, nix is’ g’scheh’n“ entspannt in die Zukunft blicken?

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So weit würde nicht einmal die Regierung gehen, für die Optimismus offizielles Programm ist. In ihrer Weihnachtsansprache rief Premierministerin Theresa May erst vor wenigen Tagen ihre Landsleute erneut dazu auf, „zusammenzustehen und die historische Gelegenheit zu ergreifen, eine kühne neue Rolle für uns in der Welt zu formen“. Die von May beschworene Zuversicht wird von einem großen Teil der Wirtschaft geteilt: Nach einer Umfrage des Wirtschaftsverbands Institute of Directors unter 34.000 Klein- und Mittelbetrieben blicken zum Jahreswechsel 60 Prozent „zuversichtlich“ oder „sehr zuversichtlich“ in die Zukunft. Während nur 15 Prozent einen Rückgang beim Umsatz befürchten, rechnen fast 60 Prozent für das neue Jahr mit einem Wachstum.

Wachsende Unsicherheit

Übereinstimmend macht aber ein Faktor der gesamten britischen Wirtschaft mehr und mehr zu schaffen: Unsicherheit. Denn obwohl die Briten vor sechs Monaten für den EU-Austritt gestimmt haben, ist bisher nichts geschehen. Bis Ende März 2017 will die Londoner Regierung das Austrittsverfahren starten, und erst dann wird sich herausstellen, was der Brexit tatsächlich bedeuten wird. Simon Walker, der Direktor des Institute of Directors, warnt: „Unternehmen müssen sich auf eine Phase der Unsicherheit einstellen.“

Selbst die Regierung rechnet mit einem Einbruch der Konjunktur. In seiner Budgetrede im November nahm Schatzkanzler Philip Hammond die Wachstumsprognose für 2017 von 2,2 Prozent auf 1,4 Prozent zurück und sagte: „Unsere Aufgabe ist es jetzt, unsere Wirtschaft widerstandsfähig zu machen, während wir die EU verlassen, und wettbewerbsfähig für die folgende Übergangsperiode.“

Wie die künftigen Rahmenbedingungen für die britische Wirtschaft aussehen werden, bleibt aber weiter unklar: Die Regierung hat sich bisher nicht festgelegt, ob sie einen harten Brexit mit völligem Ausstieg aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion will oder einen weichen Brexit mit einem Verbleib im Gemeinsamen Markt.

Angesichts der Tatsache, dass Großbritannien 45 Prozent seiner Exporte in die EU verkauft, bevorzugt die Wirtschaft Variante zwei: den weiteren tariffreien Zugang zum Binnenmarkt. Das allerdings ist nicht vereinbar mit den Positionen, auf die sich Premierministerin May festgelegt hat: Ende der Personenfreizügigkeit und keine weitere Anerkennung des Europäischen Gerichtshofs.

Wenn May dieser Tage zunehmend häufig davon spricht, dass die Brexit-Verhandlungen „nicht eine binäre Wahl“ sein werden, deutet sie den Wunsch nach branchenspezifischen Vereinbarungen an. So bemüht sich die Regierung auffällig um die Industrie, während sie der Londoner City, dem Finanzplatz also, weitgehend die kalte Schulter zeigt. Gegen eine derart selektive Vorgangsweise stehen freilich die 27 bisherigen EU-Partner, die (vorerst?) geschlossen erklären: „Rosinenklauben kann es nicht geben.“

Neben der Unsicherheit der Brexit-Verhandlungen wird die britische Wirtschaft im kommenden Jahr auch von veränderten Rahmenbedingungen negativ beeinflusst werden. Der starke Wertverlust des Pfund wird nach Prognose der Bank of England die Inflation aufgrund höherer Importpreise auf bis zu drei Prozent nach oben jagen. Den Haushalten droht damit neuerlich ein Realeinkommensverlust, der bereits Ende 2016 begann. Das wiederum wird sich auf den Konsum auswirken, der bisher der Motor der Konjunktur war. „Hohe Inflation wird die Kaufkraft beeinträchtigen und die Konsumenten zum Straucheln bringen“, sagt der Ökonom Martin Beck.

In Erwartung schwerer Zeiten haben viele Bürger offensichtlich jetzt noch Investitionen vorgezogen. Wie klein der Spielraum dafür nur mehr ist, zeigt die Tatsache, dass die Sparquote im dritten Quartal 2016 auf den tiefsten Stand seit der Wirtschaftskrise 2008 gefallen ist. Nach einer Umfrage des Instituts GfK ist die Zuversicht der Konsumenten in den vergangenen Wochen „wegen wachsender Unsicherheit“ eingebrochen.

Außenhandel schwächelt

Nicht erfüllt hat sich bisher auch die Hoffnung, dass der Kursverlust des Pfund die britische Wirtschaft beflügeln würde. Im Gegenteil: Während die Exporte fielen, stiegen die Importe, und als Ergebnis verzeichnete Großbritannien im dritten Quartal 2016 mit 25,5 Milliarden Pfund bzw. 5,2 Prozent des BIPs das höchste Außenhandelsdefizit seit 2013. Bank-of-England-Gouverneur Mark Carney warnt, das Land sei angewiesen auf die „kindness of strangers“. Doch auch diese wird immer geringer: Nur mehr 29 Prozent der Investoren sehen die kommenden drei Jahre zuversichtlich, das ist der niedrigste Wert seit 2004.

AUF EINEN BLICK

Der Brexit hat Großbritanniens Wirtschaft bisher nicht negativ beeinflusst. Mit 2,1 Prozent Wachstum im zu Ende gehenden Jahr wird die Insel besser als Deutschland, Frankreich und Italien abschneiden und auch die Eurozone überrunden, für die die EU-Kommission ein Wachstum von 1,7 Prozent prognostiziert. Aber die Unsicherheit wächst. Selbst die optimistische Regierung erwartet eine Wachstumsdelle.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 31.12.2016)

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